Wenn es um die eigene Entwicklung geht, investieren Startups zuerst in Produkt, Vertrieb und Finanzierung. Nachhaltigkeit landet oft auf der Liste für später. Das ist verständlich, rächt sich aber in der Wachstumsphase, denn spätestens bei größeren Kunden kommt die Frage nach dem Product Footprint auf den Tisch.

Einkaufsabteilungen von Konzernen, Händler und Investoren wollen wissen, wie viele Treibhausgasemissionen in einem Produkt stecken. Wer dann erst beginnt, Daten zusammenzusuchen, verliert Zeit und wirkt unvorbereitet. Ein produktbezogener CO2-Fußabdruck ist dabei keine PR-Zahl, sondern eine Entscheidungsgrundlage für Material, Fertigung und Transport.

In diesem Artikel erfährst du, was genau gemessen wird, welche Daten du schon heute hast, wie du in vier Schritten zu einer belastbaren ersten Zahl kommst und welche regulatorischen Entwicklungen du kennen solltest.

Was ist ein Product Footprint?

Der Product Footprint, genauer der Product Carbon Footprint (PCF), beziffert die Treibhausgasemissionen, die über den Lebensweg eines Produkts entstehen. Er wird in Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Produkteinheit angegeben. Kurz zusammengefasst:

  • Er umfasst Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport und je nach Systemgrenze auch Nutzung und Entsorgung.
  • Er macht sichtbar, welche Lebensphasen und Komponenten die größten Emissionen verursachen.
  • Er folgt anerkannten Methoden wie dem Produktstandard des GHG Protocol oder der Norm ISO 14067.
  • Er ist für Startups vor allem ein Steuerungsinstrument, nicht nur eine Berichtspflicht.

Warum Startups den Product Footprint früh messen sollten

Der wichtigste Grund ist banal: Später wird es teurer. Wenn Lieferanten, Materialien und Verpackungen festgelegt sind, kostet jede Änderung Geld und Verhandlungszeit. In der frühen Phase kannst du Klimadaten dagegen noch in Designentscheidungen einfließen lassen.

Kunden und Lieferketten verlangen Daten

Große Unternehmen müssen ihre Emissionen entlang der Wertschöpfungskette erfassen und geben diese Anforderungen an ihre Zulieferer weiter. Nach der Omnibus-Einigung der EU von Dezember 2025 soll die Berichtspflicht nach der CSRD zwar nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Millionen Euro Umsatz treffen. Doch genau diese Konzerne sind häufig die Wunschkunden von B2B-Startups und fragen Produktdaten in Ausschreibungen ab.

Regulierung zielt auf Produkte

Die europäische Ökodesign-Verordnung ESPR ist seit dem 18. Juli 2024 in Kraft. Sie schafft den Rahmen für Anforderungen an nahezu alle physischen Produkte und führt den digitalen Produktpass ein. Welche Daten er enthalten muss, legt die EU-Kommission schrittweise je Produktgruppe fest. Im ersten Arbeitsplan stehen unter anderem Textilien, Möbel, Reifen, Matratzen, Stahl und Aluminium.

Investoren schauen genauer hin

Viele Fonds berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien in ihrer Due Diligence. Ein dokumentierter Product Footprint zeigt, dass dein Team Risiken in der Lieferkette kennt und strukturiert arbeitet. Welche Unterlagen beim Pitch sonst noch zählen, liest du in unserem Beitrag Investoren überzeugen.

Was beim Product Footprint wirklich gemessen wird

Bevor du rechnest, legst du die Systemgrenze fest. Sie bestimmt, welche Lebensphasen einbezogen werden. Zwei Varianten sind üblich:

  • Cradle-to-Gate: von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor. Diese Variante fragen Geschäftskunden häufig an, weil sie den Footprint in ihre eigenen Produkte einrechnen.
  • Cradle-to-Grave: zusätzlich Distribution, Nutzung und Entsorgung. Sie ist aufwendiger, zeigt aber zum Beispiel bei Elektrogeräten, dass die Nutzungsphase dominieren kann.

Entscheidend ist nicht die perfekte Zahl, sondern eine saubere Dokumentation: Welche Prozesse sind enthalten? Welche Werte sind gemessen, welche angenommen? Und warum wurden diese Annahmen getroffen? Der Produktstandard des GHG Protocol beschreibt dafür die methodischen Grundlagen und betont, dass Vergleiche zwischen Produkten zusätzliche, branchenspezifische Regeln voraussetzen.

Typische Fehler beim Start

Viele Teams beginnen zu groß. Sie wollen jede Schraube, jeden Transportkilometer und jede Verpackungsvariante abbilden. In der frühen Phase führt das ins Stocken, weil Daten fehlen und das Projekt neben dem Tagesgeschäft versandet.

Besser ist ein iterativer Ansatz. Starte mit einem belastbaren Basiswert, der die größten Treiber sichtbar macht. Verfeinere die Werte, wenn Lieferanten, Fertigung und Stückzahlen stabiler werden, und taste dich so schrittweise an den vollständigen Carbon Footprint heran.

Weitere häufige Fehler:

  • Systemgrenzen werden nicht dokumentiert, sodass Zahlen später nicht vergleichbar sind.
  • Pauschale Durchschnittswerte werden als exakte Messung kommuniziert.
  • Die Berechnung liegt bei einer einzelnen Person und geht bei deren Weggang verloren.
  • Ergebnisse werden für Marketingaussagen genutzt, bevor sie geprüft sind.

Datengrundlage: Was du schon heute hast

Startups können früher messen, als sie denken, denn die wichtigsten Informationen liegen meist bereits vor:

  • Stückliste: Welche Materialien und Komponenten stecken im Produkt, in welchen Mengen und Varianten?
  • Fertigung: Welche Produktionsschritte gibt es, welche Energieformen dominieren, wird eigener oder zugekaufter Strom genutzt?
  • Logistik und Verpackung: Welche Transportwege, Gewichte, Verkehrsträger und Verpackungsmaterialien fallen an?
  • Nutzung und Lebensende: Verbraucht das Produkt Energie, wie lange wird es genutzt, lässt es sich reparieren oder recyceln?

Gerade Logistik und Verpackung machen bei vielen Konsumgütern einen spürbaren Anteil aus und lassen sich vergleichsweise leicht beeinflussen, etwa durch andere Versandwege oder leichteres Material. Wie du deine Lieferkette insgesamt effizienter aufstellst, zeigt unser Beitrag zur Lieferketten-Optimierung.

Gestapelte Pappkartons in einem Lagerraum, deren Transport und Verpackung in den Product Footprint einfließen

Annahmen sauber dokumentieren

In frühen Phasen sind Lieferantendaten nie vollständig. Wo Primärdaten fehlen, arbeitest du mit Emissionsfaktoren aus Datenbanken. Damit diese Annahmen nachvollziehbar bleiben, dokumentierst du für jeden Wert:

  • die Quelle des Emissionsfaktors
  • den Grund, warum du diesen Wert gewählt hast
  • die erwartete Unsicherheit
  • den Zeitpunkt, zu dem du ihn durch echte Lieferantendaten ersetzen willst

So bleibt die Zahl belastbar, auch wenn sie im nächsten Quartal angepasst werden muss.

In vier Schritten zur ersten Zahl

  1. Ziel und Systemgrenze festlegen: Wofür brauchst du die Zahl, für interne Entscheidungen, eine Kundenanfrage oder einen Bericht? Daraus folgt, ob Cradle-to-Gate genügt.
  2. Daten sammeln: Stückliste, Energieverbrauch der Fertigung, Transportwege und Verpackung in einer Tabelle oder einem Tool zusammenführen.
  3. Berechnen und Treiber identifizieren: Mengen mit Emissionsfaktoren multiplizieren und sortieren. Oft machen wenige Materialien oder Prozessschritte den Großteil aus.
  4. Prüfen und verbessern: Ergebnisse intern plausibilisieren, Annahmen offenlegen und bei Bedarf extern prüfen lassen, bevor du sie nach außen kommunizierst.

Ein vereinfachtes Beispiel

Angenommen, du entwickelst eine wiederverwendbare Trinkflasche aus Edelstahl mit Kunststoffdeckel. Deine Stückliste nennt das Gewicht des Stahls, des Deckels und der Kartonverpackung. Gefertigt wird bei einem Partner im Ausland, versendet per Container und anschließend per Lkw an ein Lager in Deutschland.

Schon mit diesen wenigen Angaben erkennst du, wo du ansetzen solltest. Bei Metallprodukten fällt häufig das Material selbst stark ins Gewicht, sodass Fragen nach Recyclinganteil und Wandstärke wichtiger werden als die letzte Optimierung am Versandkarton. Ob das auch für dein Produkt gilt, zeigt erst deine eigene Rechnung. Genau dafür ist der erste Basiswert da: Er lenkt den Blick auf die richtigen Fragen.

Kundenanfragen gezielt beantworten

Wenn ein Geschäftskunde Emissionsdaten anfragt, will er deinen Wert meist in seine eigene Scope-3-Bilanz übernehmen. Kläre deshalb vorab, welche Systemgrenze, welche Bezugseinheit und welches Bezugsjahr er erwartet. Ein kurzes Datenblatt mit Methode, Annahmen und Ansprechpartner spart dir bei jeder weiteren Anfrage Zeit und schafft Vertrauen.

Für die Umsetzung gibt es spezialisierte Software, Beratungen und Branchenleitfäden. Für ein erstes Screening reicht häufig eine gut strukturierte Tabelle. Sobald Kunden geprüfte Werte verlangen oder du viele Produktvarianten hast, lohnt sich ein Tool mit gepflegten Datenbanken.

Nutzen im Alltag: Entscheidungen, die Wachstum möglich machen

Der eigentliche Wert entsteht, wenn der Product Footprint nicht in einem Bericht verschwindet, sondern in Entscheidungen einfließt. Das ist im Startup-Alltag ganz konkret:

  • Produktentwicklung: Du vergleichst Varianten, etwa einen Materialwechsel, eine andere Verpackung oder eine veränderte Transportkette, bevor du sie in großem Maßstab umsetzt.
  • Einkauf: Lieferantenanfragen werden präziser. Statt allgemeiner Nachhaltigkeitsfragen forderst du klare Datenpunkte an.
  • Vertrieb: Anfragen großer Kunden beantwortest du schneller, weil die Datenbasis bereits existiert.
  • Strategie: Teams erkennen, welche Hebel wirklich groß sind, und verzetteln sich nicht in Kleinstthemen.

Ein Nebeneffekt: Emissionen hängen oft mit Kosten zusammen. Weniger Material, kürzere Wege und effizientere Fertigung senken häufig beide Werte. Wie zirkuläre Ansätze aus Abfall neue Rohstoffe machen, zeigt das Beispiel CRCL.

Vorsicht bei Werbeaussagen

Wer mit Klimadaten wirbt, sollte genau formulieren. Aussagen wie „klimaneutral“ oder „CO2-frei“ ohne belastbare Grundlage können als irreführend gelten, und die EU hat die Regeln gegen Greenwashing verschärft. Nutze deinen Product Footprint deshalb zunächst intern und für sachliche Kundenanfragen. Kommuniziere Zahlen öffentlich nur mit Angabe von Methode, Systemgrenze und Bezugsjahr.

Wer im Team den Product Footprint verantwortet

In kleinen Teams ist Nachhaltigkeit oft niemandes Hauptaufgabe. Benenne deshalb eine Person, die Daten sammelt, Annahmen pflegt und Anfragen koordiniert. Das kann jemand aus Produktentwicklung, Operations oder Einkauf sein, denn dort liegen die meisten Informationen.

Wichtig ist, dass die Berechnung nicht in einer privaten Tabelle verschwindet. Lege Datenquellen, Rechenweg und Versionen zentral ab, damit der Product Footprint auch nach einem Personalwechsel nachvollziehbar bleibt und bei der nächsten Produktgeneration als Vorlage dient.

Dein Fahrplan für die nächsten Wochen

Wenn du heute startest, brauchst du kein großes Nachhaltigkeitsteam. Ein pragmatischer Plan sieht so aus:

  1. Wähle dein umsatzstärkstes oder meistgefragtes Produkt aus.
  2. Lege Systemgrenze und Methode fest und halte beides schriftlich fest.
  3. Sammle die vorhandenen Daten aus Stückliste, Fertigung und Logistik.
  4. Berechne einen ersten Basiswert und markiere die drei größten Treiber.
  5. Bitte die wichtigsten Lieferanten um eigene Emissionsdaten.
  6. Plane eine Aktualisierung pro Quartal oder bei jeder größeren Produktänderung.

So wird der Product Footprint vom Pflichtthema zum Werkzeug, mit dem du bessere Produkte baust und in Gesprächen mit Kunden und Investoren vorbereitet auftrittst.

Was ist der Unterschied zwischen Product Footprint und Corporate Carbon Footprint?

Der Product Footprint bezieht sich auf die Emissionen einer einzelnen Produkteinheit über ihren Lebensweg. Der Corporate Carbon Footprint erfasst dagegen die Emissionen des gesamten Unternehmens, aufgeteilt in Scope 1, 2 und 3.

Was kostet die Berechnung eines Product Carbon Footprint?

Ein erstes Screening kannst du mit eigenen Daten und einer strukturierten Tabelle fast ohne externe Kosten erstellen. Für zertifizierte oder extern geprüfte Werte fallen je nach Produktkomplexität Kosten für Software, Datenbanken oder Beratung an.

Wie lange dauert es, den Product Footprint zu messen?

Ein grober Basiswert für ein einfaches Produkt ist oft in einigen Wochen erstellt. Eine detaillierte, extern geprüfte Bilanz mit Lieferantendaten kann mehrere Monate dauern.

Muss mein Startup einen CO2-Fußabdruck für Produkte veröffentlichen?

Eine allgemeine Pflicht für Startups gibt es derzeit nicht. Indirekt kann sie aber über Kundenanforderungen, Ausschreibungen oder künftige Produktregeln der EU, etwa im Rahmen der Ökodesign-Verordnung, entstehen.

Welche Standards gelten für den Product Carbon Footprint?

Verbreitet sind der Produktstandard des GHG Protocol und die Norm ISO 14067. Für einzelne Branchen gibt es zusätzliche Regeln, die festlegen, wie bestimmte Produktgruppen berechnet und verglichen werden.

Was ist der digitale Produktpass?

Der digitale Produktpass ist eine Art digitaler Steckbrief für Produkte, den die EU-Ökodesign-Verordnung einführt. Er soll Informationen zu Nachhaltigkeit, Reparierbarkeit und Recycling entlang der Lieferkette verfügbar machen.